Samstag, 31. Mai 2014

ehe es dunkelt

letzte abendsonne

in den wipfeln von
zwei tulpenpappeln
orange-schnäbelig

braungefiedert ruft
ein weibchen ihren
kardinal — einsam

umflattert ein admiral
gelb ein dichtes grün
im hintergrund kopfunter

ein graues hörnchen
in der ursuppe schwimmen
munter kaulquappen

keinem ei entgegen
es sei denn es gehörte
der gemeinen mücke


©beatrix brockman

Sonntag, 25. Mai 2014

ghee

sprechmüde schweigt sich
der tag durch meine stunden

kontemplativ wandert masche
um masche von einem holz

zum anderen, schweifen gedanken,
verirren sich, finden zurück

lauscht  dem grün meine seele
klärt sich wogend im salzmeer

von nun so lange ungeweinten
tränen wie butter zu ghee


© beatrix brockman

Montag, 19. Mai 2014

alle tage

welche maske welches
ich trag ich heut auf
mit meinem puderpinsel?

die lektionen die mich
lehrten nicht mein herz
auf der zunge zu tragen

sie waren hart. die lektionen
die mich lehrten nicht
in demut sondern aus angst

gebeugten hauptes zu schreiten
oder schweigend zu lächeln
und zu nicken — sie waren hart

zu einer schale sind sie nun
verstahlt, umschließen den kern
der nicht mehr keimt.  was bleibt:

mechanisch funktionieren, einen
schritt vor den anderen, hoffen
auf den tag an dem sich ein riss auftut

— dann spreche ich wieder wahr



©beatrix brockman

Freitag, 16. Mai 2014

heute nicht lemming

schwer liegt schweigen
auf dem herzen — draußen
keckert ein kardinal

drinnen panthert die seele
unruhig hinter stäben
aus mutlosem grau

lecken sieben pfund hund
das meer von wangen
ein kleines herz schlägt

warm und ganz nah
geht es steil hinab in
die tiefe am rand des ichs

— doch heute bin ich
nicht lemming
folge mir nicht hinab



© beatrix brockman

Sonntag, 4. Mai 2014

Unter Veneziern

und dann erkennst du
dass sie dir ein Iago war
dass sie die wahrheit sprach
und dich doch manipulierte

dass sie, der du vertrautest,
dir nicht nur in den rücken fiel
sondern auch den menschen
deiner welt mit derbem

pinselstrich ein bild gemalt
in dem dein schatten größer
als du selbst — dass andere sie
verführte als Emilia und

Roderigo ihr zur hand zu gehen
um deinen untergang zu fördern —
und du musst trotzdem weiter
gehen an Iagos seite unter

Veneziern deren wahrheit du
nie schaust und denen du
nie mehr vertrauen magst aus
furcht vor ungewetzten messern



© Beatrix Brockman

Donnerstag, 1. Mai 2014

Monika Kafka † 30. April 2014

und schweigst du auch
seit dieser nacht
nach leid, das wir nicht kannten
deine worte schweigen nie

sie werden uns erinnern
an die kraft, die du
 dem stift entlocktest
der tastatur abrangst

sie werden uns erinnern
an die menschen, die wir
nie gekannt an deine
leise mutter und auch

jene frau, die sie gebar.
wir wissen von dem land
dem du so fern und stets
so nahe warst von

siebenbürgen, dem nach
den worten, in den worten,
aus den worten immer
deine große liebe galt.

und lebst du weiter in den
worten, die ich nur stimmlos
kenn, doch in mir zum klingen
bringen ganze welten

die ich nur durch deine augen sah!




©beatrix brockman