Dienstag, 12. September 2017

vertraulich

sechs jahre standest
du draußen — drücktest
die nase dir platt
am fenster geflüsterter
worte mit dem stempel
vertraulich

nun stehst du an
der tür doch dein
fuß will sich nicht
über die schwelle
heben. selbst sollst du
nun und willst  doch

nicht  —  flüstern

© beatrix brockman

Mittwoch, 6. September 2017

fundstück

und manchmal findest
du etwas wieder
das lange verloren
doch das, was die
sehnsucht nach ihm
schürte, findest du
nicht. dann spürst
du den verlust noch
stärker, denn nun sind
die jahre des sehnens
auch verloren.

©beatrix brockman

Donnerstag, 6. Juli 2017

Nach dem zufälligen Griff in eine Schublade

plötzlich füllen worte
 die vor jahren schon
aufs blatt geflossen
seele, raum und herz.

hastig huschen finger
über tasten suchen
suchen suchen nach
dem band das einmal riss

ist’s auf einmal dann
gefunden, geh’n gedanken
auf die reise — ziel:
das was einmal war

doch du weißt nicht
wann man sich zum letzten
mal geschrieben, man zum
letzten mal sich sah

© Beatrix Brockman

Mittwoch, 5. Juli 2017

jähren sich tage

jähren sich nun die tage
des letzten zusammen
jährt sich nun bald
das letzte good-bye

noch sind sie ungeweint
im reservoir meiner tränen
noch hält der faden
der mich zusammen reißt

still sucht das herz
nach den letzten momenten
streckt sich die hand
nach dem telefon

jähren sich tage
liegt ein stein auf einem grab
schluckt ein herz
tränen ungeweint

Sonntag, 4. Juni 2017

So Zwei-Dimensional

verstummt die stimme
das herz schlägt
schon lange nicht mehr

verstummt das tägliche
gespräch — in träumen
plötzlich allgegenwärtig

nacht für nacht für nacht
noch in drei dimensionen
unerreichbar nah

doch tags gebannt, gerahmt
an wänden und der dritten
beraubt, erstarrt in sepia

mit einem lächeln, das sich
in mundwinkel schon grub
lange bevor es mich gab

oder mit frohem lachen
als an den abschied
noch lange niemand gedacht


© beatrix brockman

Sonntag, 21. Mai 2017

Mutter Morgana

wenn nachts mir
träume dich so
lebensecht vor augen

führen, wenn meine
hand, dich zu berühren
ins leere greift, wenn

morgens nur der traum
verflogen und du noch
gegenwärtig bist, dann

ist der verlust, der sonst
so leis im hintergrund
nur schwingt auf einmal

groß und schwarz und schwer

und die lücke klafft
als wär sie gestern
erst gerissen.

©beatrix brockman

Samstag, 13. Mai 2017

Thelma & Louise

müde, wie mein alltags
gemüt, winkt der flügel
des toten raben am
straßenrand jedem
auto zu, das an ihm
vorüberfährt. auf
dem mittelstreifen

— ihm gegenüber —
liegt ein murmeltier
—auch schon seit tagen  —
gestern noch entspannt auf der seite, heute
—dank dreißig grade hitze—

aufgebläht auf dem
rücken, die beinchen
grotesk in die höhe
gestreckt.  morgen
wird es geborsten sein,
verwesend nun ein
feinschmeckermahl
für die geier, die ich
heute schon kreisen sah.


© beatrix brockman